
Bruno Becker
Von Anfang November bis Ende Juli praktisch ohne Milben imkern
Der „Nassenheider horizontal“ macht es möglich
Im Spätsommer 1967 bin ich in die Imkerei eingestiegen. Der Hauptgrund dafür waren anfangs häufige Ischiasbeschwerden. Wiederholt war ich wegen starker Schmerzen ans Bett gefesselt. Das hat sich danach deutlich gebessert. Ich musste seitdem nie wieder wegen Ischias das Bett hüten. Für den speziellen Zweck hätten zwar 2 Völker gereicht, aber das neue Hobby verlangte bald nach mehr. Von Jahr zu Jahr wurde aufgestockt. Der mögliche Nebenverdienst lockte auch ein wenig. Aus 4 Völkern wurden im nächsten Jahr 6, dann 10, 15 usw. und neben eigenen Erfahrungen immer wieder anderen über die Schulter geschaut. Nach 10-jähriger Praxis musste ein Wanderwagen her. Ein Hänger mit 42 Normalmaßbeuten ohne Bienen wurde gekauft. 26 Völker hatte ich zu der Zeit am Stand. Damit ging es 1979 erstmals in den Raps. Ein Jungbrunnen für die Bienen, eine Tracht, die nie versagt, meinten die Alten Hasen. Am Ende der Saison waren alle 42 Beuten besetzt.
Eine Milbe verändert die Imkerei
1980 in Mecklenburg im Raps kam der Wanderobmann eines Tages ganz aufgeregt an. „Südlich von Berlin ist die Varroamilbe aufgetaucht“. 2 Jahre später war sie auch an meinem Stand in Nassenheide 40 km nördlich von Berlin. Anfangs war wohl jedes Mittel recht, um die Parasiten in Schach zu halten, aber schon bald kamen Bedenken auf, die für die ebenfalls eingesetzte Ameisensäure nicht zutreffen sollten.
Die Vorteile der Ameisensäure sind offensichtlich
Sie ist preiswert und ökologisch vorteilhaft. Nach 30-jähriger Erfahrung ist nichts über Resistenzerscheinungen bekannt. Sie ist ein Naturprodukt. Auch wenn sie heute in großen Mengen technisch hergestellt wird, handelt es sich doch immer um die gleichen Moleküle mit der chemischen Formel CHOOH.
Der plötzlich auftretende starke Geruch bei den ersten Anwendungen mit Bierdeckel und Schwammtuch und die dadurch ausgelöste Aggressivität vor allem gegenüber der Königin waren sicher die Ursache für den Satz „Ameisensäure, einmal und nie wieder“. Seitdem ist das Schwammtuch im allgemeinen Sprachgebrauch als Weiselkiller verschrien. Dabei ist das Problem relativ einfach zu lösen. Jeder Imker weiß oder sollte wissen, dass Bienen auf hektische Bewegungen aggressiv reagieren, langsame Veränderungen aber kaum wahrnehmen können. Das gilt auch für fremdartige Gerüche. Wenn die Konzentration der Säuredämpfe langsam ansteigt und dann über einen längeren Zeitraum konstant bleibt, gehen die Bienen in Ruhe ihrer gewohnten Arbeit nach und wir erzielen eine hohe Abtötungsrate bei den Parasiten. Sogenannte Schocktherapien können nicht das Ideale sein.
Etwas problematischer ist der Einfluss des Wetters
Nach nicht sehr befriedigenden Ergebnissen mit dem Bierdeckel ermittelte ich bei 8°C Außentemperatur auf den Beutenböden Temperaturen zwischen 10°C und 31,5°C. Was soll dabei brauchbares rauskommen, wenn bei 30°C 15x so viel Ameisensäure verdunstet wie bei 10°C? Einmal brausen die Bienen auf, werden aggressiv und bringen oft die Königin um, das andere Mal verdunstet zu wenig, um Milben abzutöten. Natürlich klappt es auch inzwischen. Aber darauf kann man sich doch nicht verlassen.
Es war wohl so eine Art fixe Idee. Eine Stelle gibt es in der Beute, wo die Bienen immer für eine gleichbleibende Temperatur sorgen. Das ist das Brutnest. Also müsste dort bei einer bestimmten Verdunstungsfläche immer gleich viel Ameisensäure verdunsten. So entstand das erste Muster, ein waagerecht liegendes Rohr als Vorratsraum mit einer Öffnung, die den Verdunstungsraum mit einem gleichbleibenden Flüssigkeitspegel versorgt. Ein senkrecht stehender Pappstreifen taucht dort immer gleich tief in die Säure ein und kann durch Ausprobieren verschiedener Größen an die erforderliche Menge angepasst werden. Nach der Patentanmeldung habe ich rund 80 Muster in Einzelfertigung hergestellt, die in Nassenheide, Oranienburg und in der FU Berlin jahrelang getestet wurden.
Das Seriengerät „Nassenheider Verdunster“ kam im Frühjahr 1995 auf den Markt und wurde schnell angenommen, auch wenn es manchen zu viel Arbeit machte. Der Verdunster muss ja in der Nähe der Brut stehen, wo immer die gleiche Temperatur herrscht. Eigentlich brauchen das alle, die mit konstanter Dochtgröße arbeiten, aber viele glauben, sie können das ignorieren und geben Petrus dann die Schuld, wenn es nicht richtig klappt.
Die kritischen Hinweise zum Arbeitsaufwand mussten die Frage aufwerfen, wie gelingt es, ohne großen technischen Aufwand einen von der Temperatur unabhängigen konstanten Säurestrom aus dem Vorratsraum auf eine ausreichend große Verdunstungsfläche zu befördern, damit das Gerät auch weiter entfernt vom Brutnest zuverlässig arbeitet? Mit Hilfe einer Laborpumpe oder dem allseits bekannten Tropf am Krankenbett ist das kein Problem. Aber wer soll das bezahlen!
Nach einigen Monaten war der U-Docht, das Herz des „Nassenheider horizontal“ gefunden. Dass damit der Behandlungszeitraum auf den wichtigen Monat Oktober ausgedehnt und die Restentmilbung gleich miterledigt werden kann, wurde mir erst später bewusst.
Der Einfluss der Luftfeuchtigkeit. Darüber wurde nicht weiter nachgedacht. Als der Nassenheider Verdunster jahrelang in der FU Berlin auf Herz und Nieren geprüft wurde, war das auch nie ein Thema. Die Bienen sorgen am Brutnest nicht nur für gleiche Temperatur sondern ebenso für annähernd gleiche Luftfeuchtigkeit um die 40 %. Seit einigen Jahren wird in der Fachpresse immer wieder bedauert, es sei im Sommer für den Einsatz der Ameisensäure zu feucht und zu kalt gewesen. Den Spätherbst erwähnt man erst gar nicht. Statt den Lesern reinen Wein einzuschenken und zu sagen, warum welche Geräte mit niedrigen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit Probleme haben, wird versucht, den Eindruck zu erwecken, das trifft für alle zu und dann immer neue Mittelchen aus der Wundertüte gezogen, um die Schwächen bestimmter Geräte zu kaschieren. Wie Wissenschaftler in den Bienenforschungsinstituten das mit ihrem öffentlichen Auftrag vereinbaren können, bleibt wohl ihr Geheimnis.
Der „Nassenheider horizontal“. Aufbau und Anordnung im Magazin sollen an der Skizze erläutert werden. Der erwähnte U-Docht (2) saugt die Flüssigkeit unabhängig von der Witterung aus dem Vorratsraum (1) und leitet sie zum Verdunsten auf den großen Horizontaldocht (3). Zur Aufstellung im Magazin legt man die Unterlage (4) direkt auf die Waben des Brutraumes. Sie soll ringsherum ca. 4 cm Freiraum lassen, damit die Säuredämpfe dort nach unten gehen und seitlich in die Wabengassen wandern. Falls erforderlich, vorher hervor stehende Wachsbrücken entfernen, damit der Verdunster sicher und annähernd waagerecht steht. Auf die Unterlage (4) kommt der Horizontaldocht (3). Er soll etwa 1 cm kleiner sein. Darauf stellt man den zuvor gefüllten und mit einem U-Docht ausgestatteten „Nassenheider horizontal“. Das Ganze wird mit einer leeren Zarge eingehaust. Eine Halbzarge ist günstig, weil sie weniger Leerraum hat, muss aber nicht sein. Dann den Deckel rauf, das ist alles. Wenn Sie das Gerät vorher schon einmal mit Wasser ausprobieren , wissen Sie bereits, wie konstant die tägliche Dosis ist und wie der nasse Fleck je nach den Umgebungseinflüssen größer oder kleiner wird Die tägliche Menge ist zwar etwas niedriger als bei Ameisensäure, aber man kann schon gut erkennen, wie gleichmäßig die Dosis fließt und wie der nasse Fleck auf die Umgebungstemperatur und die Luftfeuchtigkeit reagiert.
Für Hinterbehandlungs- und Lagerbeuten wird der Verdunster entsprechend der Gebrauchsanleitung in ein Rähmchen eingebaut. Der Horizontaldocht ist dann bis auf die Standfläche für den Verdunster senkrecht angeordnet. Wichtig ist die Anordnung im Warmbau entgegengesetzt vom Flugloch. Unterlage und Horizontaldocht müssen wie beim Magazin unter die Füße geschoben werden. Es empfiehlt sich, sie erst mit ein paar Reißzwecken an der unteren Rähmchenleiste zu befestigen ( nicht gerade dort, wo die Füßchen stehen sollen ). Dann stellt man den Verdunster rauf und befestigt ihn mit 2 kleinen Holschrauben. Anschließend werden Unterlage und Horizontaldocht nach oben umgeschlagen und an der oberen Rähmchenleiste mit Reißzwecken befestigt. Es ist zu empfehlen, den Zusammenbau nicht erst im letzten Moment vorzunehmen, sondern in Ruhe vorab zu erledigen.
Der „Nassenheider horizontal“ im Magazin. Das Foto zeigt die Aufstellung in einem Magazin. Die Bienen schauen aus den Wabengassen hervor, aber den großen Docht belagern sie nicht. Sie bleiben völlig ruhig. Kleine Schäden am Horizontaldocht z.B. durch Kleben an Kittharz stören nicht. Der U-Docht ist im nassen Zustand empfindlich. Ich entnehme ihn dann vorsichtig mit einer Wäscheklammer und lege ihn zum Trocknen auf ein Papierküchentuch. Beschädigte U-Dochte dürfen nicht wieder verwendet werden. Ersatzdochte gibt es beim Hersteller. Der nasse Fleck wächst in den ersten Stunden ganz langsam an, bis er sich auf die gerade herrschende Witterung eingestellt hat. In den folgenden Tagen zeigt sich, dass der Fleck in den kühlen Morgenstunden größer ist als am Nachmittag. Bei feuchter, kühler Umgebung muss die Verdunstungsfläche größer sein als bei warmer, trockner Luft. Das ist doch eigentlich logisch. Entsprechend reagiert der „Nassenheider horizontal“ automatisch. Der Imker muss nicht ständig auf die Wetterlage achten und nachregeln. Welcher Verdunster kann das noch?
Gegenüberstellung konstanter und wechselnder Verdunstungsflächen
Eine fest vorgegebene Verdunstungsfläche abseits vom Brutnest, wie man das oft noch findet, ist und bleibt eine Fehlentwicklung, z.B. 200 cm⊃2; bei jedem Wetter ein fauler Kompromiss. Der „Nassenheider horizontal“ hat einen ca. 5x größeren Docht mit Zwangsdosierung über den U-Docht unabhängig von der Witterung. Dort ist nur die nasse also wirksame Dochtfläche je nach Wetterlage größer oder kleiner.Egal, ob 10°C oder 30°C, Regen oder Sonnenschein, das klappt immer, selbst im Oktober.
Warum finde ich 10 Jahre nach der Markteinführung dazu außer dem Beitrag im Deutschen Bienen Journal 2002 Heft 8 Seite 18-19 keine einzige wissenschaftliche Untersuchung?
Was sagt uns die Unterlage (Windel )?
Imkern im Blindflug, also ohne Überwachung des Milbenbefalls halte ich für höchst leichtfertig und verantwortungslos.
Leichtfertig, weil man insbesondere von August bis Oktober jederzeit mit Reinfektion aus der Umgebung rechnen muss von Völkern, die resigniert den Wachdienst einstellen. Das kann eine vorausgegangene Behandlung schnell zunichte machen und das Volk erheblich schädigen , wenn nicht umgehend und vor allem effektiv reagiert wird. Wer dann erst auf den Wetterbericht warten muss, ob seine Methode überhaupt helfen kann, hat schlechte Karten. Verantwortungslos finde ich es, weil im Herbst zusammenbrechende Völker den Imkern im Flugbereich erhebliche Mehrarbeit aufbürden können.
Mein Varroa-Bekämpfungskonzept kann auf meiner Internetseite nachgelesen und ausgedruckt werden. Nach einer kurzen Einführung mit Hinweisen auf unumstößliche physikalische Gesetze beim Einsatz der Ameisensäure und Richtwerten für die einzelnen Arbeiten stehen in einer tabellarischen Übersicht links Empfehlungen zur Bekämpfung im Jahreslauf und rechts daneben zur Betriebsweise, die ich für genau so wichtig halte. Zeitangaben basieren auf persönlichen Erfahrungen im Berliner Raum.
Es geht langsam voran. Aber Klimawandel und Viren mahnen zur Eile.
9 Monate im Jahr imkern, als ob es keine Milben gäbe, das ist möglich. Aber der Begriff Ameisensäure alleine reicht nicht. Auf die Methode kommt es an! Bei konsequenter Beachtung unumstößlicher physikalischer Gesetze bleibt die Varroamilbe nur eine lästige Begleiterscheinung außerhalb der Hauptsaison. Immer mehr Imker probieren es und sind begeistert. Vielleicht helfen diese Zeilen, potentiellen Einsteigern Mut zu machen und die Talfahrt der Imkerei zu stoppen und umzukehren.
Bruno Becker
www.bienen-becker.de
Herr Bruno Becker ist der Erfinder des Nassenheider Verdunsters. Mit seiner Methode haben Sie eine relativ einfache, preisgünstige und sehr zuverlässige Vorgehensweise der Varroabekämpfung. Übrigens absolut legal und zugelassen.
Seine Vorgehensweise der Varroabekämpfung:
Varroa-Bekämpfungskonzept mit Hilfe von Ameisensäure (=AS) und Empfehlungen zur Betriebsweise
Nach 38-jähriger Erfahrung in der Imkerei und ohne in den letzten 15 Jahren je ein Bienenvolk durch Varroamilben verloren zu haben, möchte ich hiermit mein Arbeitsprogramm vorstellen und es Imkern empfehlen, die über höhere Völkerverluste durch Varroamilben oder für sie unklare Ursachen klagen und aus diesem Teufelskreis heraus möchten. Entgegen allgemeinen Empfehlungen, dass bei weniger als 1 Milbe pro Tag im Spätherbst keine weiteren Maßnahmen erforderlich seien, orientiere ich auf weniger als 0,1 pro Tag und erreiche es auch sicher. Allein mit Ameisensäure komme ich problemlos über die Runden und kann dadurch 8 Monate im Jahr praktisch so imkern, als ob es die Parasiten gar nicht gäbe. Wer das nicht schafft, möge sich überlegen, woran das wohl liegen könnte.
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